Auf Leidensentzug – wenn Heilung beginnt

Über den König der Sucht

Foto: Rolf Römer©

Von Hendrik Heidler

Es kann häufig beobachtet werden, wie nach erfolgreichen Heilbehandlungen ungewöhnliche Empfindungen auftreten und erschrecken können. Ängste treten auf, dass womöglich die Behandlung doch nicht erfolgreich war. Das ist zu verstehen und kann nachgefühlt werden. Diese Heilreaktionen bzw. Erstverschlimmerungen sind bekannt, wenn  sie auch nicht immer und unbedingt auftreten müssen. Und doch gehören sie häufig zum Heilungsprozess hinzu. Daher ist es wichtig, sie zu verstehen und nicht schamhaft oder ängstlich abzulehnen. Und schon gar nicht, haben sie etwas mit Schuld oder Versagen zu tun. Daher sind Selbstverurteilungen usw. ganz fehl am Platze.

Wenn Heilung erfolgreich sein soll, muss die Bereitschaft, solche Reaktionen durchzustehen, vorhanden sein.

Ein solche wichtige Heilreaktion, über die sowohl der Behandler als auch der Behandelte Bescheid wissen sollten, ist der Leidensentzug!

Leidensentzug

Entzug schmerzt nicht nur, sondern lässt auch Sinnkrisen hervortreten oder schlicht die Wände hochgehen, weil etwas fehlt.

Das tritt bei Entzug von Alkohol, Nikotin und manch anderen, körperlich aufnehmbaren Drogen ebenso auf, wie bei Gewohnheiten z. B. dem Arbeiten.

Woran jedoch bei süchtig machenden Stoffen oder Gewohnheiten am allerwenigsten gedacht wird, ist das Leiden. 
In der öffentlichen Wahrnehmung wird es durchgehend negativ betrachtet und wehe, wenn nach dem Nutzen des Leidens gefragt wird. Doch wie auch Wein oder Bier bringt das Leiden erstaunlichen Genuss mit sich. Freilich, darf der nicht zugegeben werden, sonst verliert es seinen Zauber. 
Ein anschauliches, wenn auch vereinfachtes Beispiel sei mir gegönnt: die Aufmerksamkeit:

Jeder Mensch ist Teil von gesellschaftlichen Gruppen. Er ist kein Einzelgänger. Daher ist es Teil seines Wohlbefindens, in seiner gesellschaftlichen Umgebung anerkannt zu sein, Aufmerksamkeit zu erfahren.
Gelingt es nicht, aus welchen Gründen auch immer, Aufmerksamkeit zu erhalten, können dem Krankheit und Leiden durchaus Abhilfe verschaffen. Leidende erhalten Zuwendung, was ja gut so ist, doch kann sich dieser Weg verselbständigen, weil anderweitig keine Möglichkeit gesehen wird, sie zu erhalten. 

Irgendwann ist das Leiden zur Gewohnheit, zu einem Teil von einen selbst geworden. Und bei allem vordergründigen Nutzen, irgendwann führt dieser „negative“ Weg um gesellschaftliche Aufmerksamkeit zu erfahren, in eine Sackgasse. Der Grund: Das Leiden fordert auch einen „Preis“ und der ist mitunter so hoch, dass er Glück, Gesundheit und manchmal das Leben kostet.

Aber es ist eine Herausforderung, sich von solchen ungestillten „Süchten“ zu lösen. Das setzt neben der Bereitschaft, bei sich Kraft und Sinn finden zu wollen, auch den Mut voraus, schwere Entzugserscheinungen auszuhalten. 
Denn es können nach erfolgtem Leidensverzicht plötzlich manche Quellen von Mitgefühl, Hilfsbereitschaft und liebevoller Zuwendung entzogen werden. Das tut weh und kann auch als Heilreaktion bzw. Erstverschlimmerung empfunden werden.

So ist es durchaus nachzuvollziehen, wenn hinter allen anderen Süchten die Sehnsucht steht, Sinn und Aufmerksamkeit zu finden, oder eben das Leiden am Fehlen derselben zu vergessen.

Aber das Leiden, welches immer Teil der Süchte ist, erscheint aus dieser Sicht heraus als Ziel. So ist Leiden der König der Süchte, um in seinem Herrschaftsbereich alles das auf sich zu ziehen, was anderweitig nicht erreichbar erscheint.

Heilung bedingt somit auch Leidensentzug mit allen seinen seelischen und körperlichen Reaktionen. Natürlich in allen vielfältigen Formen und Stärken, so vielfältig und reich wie das Leben selber ist.