Wie Phil ein Eis leckte und ohne Absicht zum Leugner wurde
Die Narren sind los
geschrieben am 22.07.2021
Ein Vor-Wort zu Phil Beulentiegel
Kann eine Welt wirklich so verrückt sein, dass sie allen als normal erscheint? Und, kann es sein, dass erst ein vermeintlich einfältiger Typ diese Verrücktheiten sichtbar machen kann? Dann ergibt sich die dritte Frage: Wer ist eigentlich verrückt?
Ist es Phil – oder sind es diejenigen, denen er unbeabsichtigt den gutpolierten Tiegel vor die Nase kracht, wenn er macht, was er für richtig hält – weil er glaubt, was gesagt wird?
Ihm geht es wie so vielen anderen, er will nur das Beste, aber die alltäglichen Gegebenheiten machen ganz was anderes draus. Es ist aber auch verrückt, wie unsichtbar das vor unser aller Augen Liegende sein kann. Eine Beulentiegelei:
Wie Phil ein Eis leckte und ohne Absicht zum Rebell wurde
Die Narren sind los
Eine Beulentiegelei von Hendrik Heidler
Phil lügt nicht. Er weiß überhaupt nicht, was das ist. Darum kann er es auch nicht, lügen. Und aus gleichem Grund glaubt er immer genau das, was andere sagen. Ganz wörtlich, was durchaus zu gewissen Missverständnissen führen kann. Fragt Phil zum Beispiel nach, ob er sich für ein köstliches Vanilleeis an einer Schlange wartender Menschen anstellen solle und der Befragte antwortet: „Stell Dich nicht so an, mach einfach!“, dann stellt sich Phil eben nicht an sondern drängelt sich vor. Das kann einen schon aus der Fassung bringen, wie jüngst als Phil unter erschwerten Bedingungen ein Eis essen wollte. Erschwerte Bedingungen wegen der offiziell formulierten A+H+A-Regelalso der Abstands+Hygiene+Alltagsmasken-Regel. Oder war es die ebenso offiziell angeordnete A+H+A-L+A-Formel, übersetzt die Abstands+Hygiene+Alltagsmasken+Lüften+WarnApp-Formel? Ganz gleich, Phil erlebte eine weitere Formel, dieA+H+A-L+A+1ML+E50ML-Formel*). Das kam so:
Phil: „Eine Vanille-Eiskugel bitte.“
Eisverkäufer: „A+H+A!“
Phil: „Wie bitte?“
Der Eisverkäufer machte nur eine unwillige Handbewegung, indem er um seinen Mund herum wedelte.
Phil glaubte zu verstehen: „Ganz schön heiß, was?“
Eisverkäufer: „Maske, Mensch!“
Phil fragt treuherzig, wie es seine Art ist und kein bisschen ironisch: „Ist heute Fasching?“ Was der Eisverkäufer erwartungsgemäß nicht verstand. Darum schnauzte der:
„Willst mich verarschen, was?“
Woraufhin sich Phil mit allerlei Verrenkungen herumdrehte, um seinen Hintern in den Blick zu bekommen. Als ihm das nicht gelang, meinte er: „Nein, geht nicht!“
Inzwischen war eine an dem Geschehen interessierte Menschenmenge zusammengekommen, um zu sehen, wie es weiter gehen würde. Was natürlich auch dem Eisverkäufer nicht entgangen war und sich aus Sorge um seinen Ruf entschied, weiteres Aufsehen zu vermeiden, indem er Phil eine Eiskugel im Waffeltütchen in die Hand drückte. So wies er nun übertrieben freundlich auf die neueste Corona-Formel hin: „Aber A+H+A-L+A+1ML+E50ML beachten!“
Phil verstand nichts, war aber längst damit beschäftigt, gleich einmal an seinem Eis zu lecken. Hm, schmeckte ihm das gut. Schon streckte er seine Zunge ein weiteres Mal heraus, etwa im Abstand von eins-Komma-fünf Meter vom Eisverkäufer entfernt. Dennoch sprang augenblicklich ein, in Phils Augen lustig in verschiedenen Blautönen gekleideter Mann aus dem Gebüsch neben dem Eisverkaufsstand.
„Aha“, entfuhr es Phil, „also doch Fasching“ und leckte genüsslich ein zweites Mal an seinem Eis. Was auch nötig geworden war, um das bereits zu laufen beginnende Eis nicht auf sein neues Hemd tropfen zu lassen. Was besagter Mann offenbar verhindern wollte, weil er aufgeregt rief: „Stopp!“
Phil wunderte sich nur, weshalb jener versuchte, mit bloßen Worten das Eis zum Verharren auf der Waffel bewegen zu wollen. Wie dumm! Entsprechend sprach ihn Phil an: „Aber, guter Mann, das geht doch so nicht, sondern so!“ Wobei Phil ein weiteres, nun zum dritten Mal und immer noch in einem Abstand von ein-Meter-fünfzig sein Eis beleckte.
Nun lief jener Mann puderrot an und schrie: „Los, 50 Meter fort laufen!“
Phil traute seinen Ohren nicht, vermutete daher die Folgen einer kürzlich besuchten Faschingsparty. Und weil Phil von seiner Oma gelernt hatte, Betrunkene könnten durchaus unvernünftig reagieren, sprach Phil mit seiner sanftmütigsten Stimme und so, wie man es mit kleinen Kindern zu tun pflegt: „Aber … guter … Mann, so weit ist das beim besten Willen nicht zu schaffen.“ Und Phil meinte, das Eis könne niemals so weit laufen. Aber der Polizist, um welchen es sich handelte glaubte nun, Phil wolle sich der hochoffiziellen neuen Corona-Formel für Eisläden verweigern, die da besagte, es dürfe am Eisstand nur einmal geleckt werden und dann erst wieder bei einem Abstand von 50 Metern zu diesem.
Lächelnd und dem Polizisten – welchen Phil immer noch für einen angetrunkenen Faschingsnarren hielt – die Wange tätschelnd fragte er ihn sanftmütig: „Willst Du auch mal?“ Eben so, wie seiner Omas zweitem Ratschlag im Umgang mit Betrunkenen lautete, lieber alles zu teilen anstatt eine Ohrfeige gelangt zu bekommen.
Aber in diesem Fall half das nichts sondern es geschah wundersames. Blitzschnell langte der Polizist, ich will ihm nun der Einfachheit halber so nennen, mit einer Hand nach Phils freiem Arm und dreht ihn nach hinten. Phil schrie schmerzhaft auf und beugte sich dabei nach vorn. Dabei fiel ihm das Eis aus der Hand und dem Polizisten auf die Uniform, welche, wie bereits erwähnt, Phil für ein Faschingskostüm hielt. Daraufhin verlor der Ordnungshüter völlig seine Fassung und schrie ein weiteres mal, freilich ironisch: „Jetzt kannste gleich noch mein Hemd ablecken.“Aber Phil verstand keine Ironie, weshalb Phil das, wie wir wissen, wörtlich verstehen musste. Also ließ er sich nicht zweimal auffordern und leckte kurzentschlossen am blauen Stoff des Polizisten herum. Nur etwas trübte den Genuss des Vanille-Eises, der nach hinten gedrehte Arm. „Aua“, wimmerte Phil und entwand sich dem Griff so geschickt, wie er es als Kind gelernt hatte, um sich der großen Jungs zu erwehren. Die schikanierten ihn gern wegen seiner etwas anderen Art. Jüngst hatte er einige von denen sogar im Fernsehen gesehen – mit ernster Miene und in feinen Anzügen – irgendwelche Regeln verkündend. Aber Phil hatte wegen des früheren Ärgers mit ihnen gar nicht hingehört. Wie damals lief Phil auch jetzt lieber davon, auch das hatte er von seiner Oma gelernt bekommen. „Junge“, hatte sie gesagt, „lauf lieber davon als gegen die Wand.“ Leider gab es damals noch keine Wände, welche sich bewegen konnten, wie jene, die nun auf ihn zu kam. Es war eine Hundertschaft der Polizei, welche offenbar ihrem Kollegen zu Hilfe eilte. Als Phil seinen Irrtum bemerkte, atmete er erleichtert auf. Jetzt wird’s lustig, dachte er, eine großes Männerballett, bestimmt auch von der Faschingsparty.
Also sprach Phil sie an: „Gut das Ihr kommt, Euren Kollegen zu holen. Der schlägt etwas über die Stränge.“Wobei Phil sie verschwörerisch zwinkernd anlächelte und mit dem Arm das Trinken einer Bierflasche andeutete. Weshalb sie jedoch ihn anstatt den vermeintlich betrunkenen Narren fassten und in ein vergittertes Auto sperrten, sollte Phil erst viel später erfahren.
Sehr viel später, in einer Zeit als wieder Fragen gestellt wurden, weshalb Eis lecken polizeilich kontrolliert ein zweites Mal erst im Abstand von 50 Metern erlaubt sei und ganze Hundertschaften feiernde Menschen jagten anstatt rechtzeitige Hochwasserwarnungen ernst zu nehmen oder Diebstähle als Nebensächlichkeiten zu den Akten zu legen oder darauf achteten, menschen mit Masken den Atem zu rauben oder oder oder ...
PS:
*) Entgegen der beiden anderen Regeln ist die „A+H+A-L+A+1ML+E50MLFormel“zwar von mir als Zeichen-Formel frei erfunden, aber nach mehreren glaubwürdigen Aussagen jedoch vom Inhalt her tatsächlich administrativ genau so angeordnet worden und besagt demnach, dass nur einmal am Eisverkauf am Eis geleckt werden darf und das zweite mal erst im Abstand von 50 Metern. Und sollte sie so nicht existieren, finden sich dennoch mehr als genug abstruse Anordnungen, die das völlige Gegenteil von dem hervorbringen, was sie angeblich fern halten sollen: zum Beispiel per Mundschutz Mikroben, Pilze und Viren, welcher in Wirklichkeit aber erst recht als Treibhaus für diese fungiert.
Hendrik Heidler©, Scheibenberg, 22. Juli 2020