Foto: Michele Mazzola [CC BY 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/3.0)], via Wikimedia Commons

Sternschnuppenevent

Die Natur als Bühne zunehmender Idiotie

geschrieben am 23.01.2019 von Hendrik Heidler, Scheibenberg

Vielleicht empfand ich hauptsächlich Trauer bei der gestrigen Nachricht, dass Satelliten vorbereitet würden, mit denen künstliche Sternschnuppen auf den nächtlichen Himmel losgelassen werden können. Und ich fühlte Hilflosigkeit in einer menschengemachten Welt, die offensichtlich nicht nur alles ins Gegenteil verkehrt sondern auch die schönsten Märchen ihres Zaubers beraubt und zu einem megageilen Event pervertiert. Aus dem bereits peinlich höchst anspruchsvollem Tropenleuchten im Leipziger Zoo kann wenigstens noch per freier Entscheidung entkommen werden, indem nicht hingegangen wird. Aber bei dem nächtlichen Sternenregen besteht diese Möglichkeit nicht mehr, es sei denn man passt sich ebenfalls der bereits bestehenden Mehrheit an und guckt gar nicht mehr auf, um das unendliche Wunder des Sternenhimmels zu bestaunen. Mit Grausen stelle ich mir vor, selbst von den dunkelsten Stellen am Scheibenberg nicht mehr zwischen den finsteren Silhouetten staunen zu können und in kindlicher Freude mir das Glück zu erhoffen, eine Sternschnuppe zu sehen. Aber dieser geplante Sternschnuppenevent ist eine andere Qualität, dem nicht einmal mehr entflohen werden kann. Endlich ist es vollbracht, möchte man urteilen, ist auch der Himmel geschlossen, wie jetzt bereits der Motorenlärm die Stille des Waldes verschließt und das ausufernde Salzen den weißen Frost des Winters. Endlich, möchte man meinen, haben wir uns ganz über die Natur gestellt und sind zu deren Herrscher geworden und dabei erreichen wir wohl einen noch nie erreichten Tiefpunkt an Unterordnung unter unsere eigenen technischen und wirtschaftlichen Schöpfungen.
Und ich höre schon das freudige Ausrufen einer zu Idioten gewordenen Menschheit, wenn das Himmelzelt in künstlichem Funkenregen in Form von Werbung über dem Himmel flackert. Vielleicht per Sternschnuppen-App ausgelöst, indem einhundertausend ihren Handygötzen streicheln um einhundertausend Sternschnuppen regnen zu lassen. „Ah, oh“, lärmt es bereits jetzt in meinen Ohren, „mehr, mehr, mehr“ und: „Was hast Du denn, ist doch schön!“ Ja, und die Überraschung, das unerwartete Staunen, die Magie des Geheimnisses, die Freiheit des Nichtkaufbaren, die prickelnde Vorfreude des nicht Anklickbaren, die Lust des wirklichen sinnlichen und natürlichen Erlebens???

Der vermeintlich Triumph der menschlichen Freiheit wird zu ihrem tiefsten Fall. Wünschen wir uns noch bei den womöglich letzten, wahrnehmbaren echten Sternschnuppen, dass die künstlichen doch nicht wahr werden mögen.

PS: Offenbar verblödet die Menschheit freiwillig und fühlt sich damit noch frei und souverän, weil die systemischen Gründe dafür nicht eingestanden werden wollen. Also lieber blind voran und weiter so bis ins Grab.
Mir fällt folgendes Sinnbild dafür ein: Damit der Kapitän auf der Brücke seines untergehenden Schiffes weiterhin sagen kann: „Es geht immer schneller aufwärts!“ weist er an, das vorhandene Leck zu vergrößern.

Hendrik Heidler, 22. Januar 2019

 

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